4 Gründe, warum die Beiträge von Pflegezusatzversicherungen jetzt steigen

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„Die Pflege im Heim wird immer teurer“ lautete im Februar dieses Jahres die Schlagzeile in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Mehr als 2.000 Euro pro Monat müssen Pflegeheim-Bewohner in Deutschland im Schnitt aus eigener Tasche zahlen – zusätzlich zu den Leistungen der Pflegepflichtversicherung. Denn die gesetzlich vorgeschriebene Absicherung deckt im Pflegefall nur einen Teil der Kosten ab. Betroffene (und in manchen Fällen ihre Angehörigen) müssen für einen Teil der Pflege sowie für Unterkunft, Verpflegung und die Investitionskosten der Einrichtungen selbst aufkommen.

Um im Pflegefall gut abgesichert zu sein, haben bereits fast vier Millionen Menschen eine private Pflegezusatzversicherung abgeschlossen. Nun sind in den letzten Jahren nicht nur die Beiträge zur Pflegepflichtversicherung gestiegen. Auch in einigen Pflegezusatz-Tarifen kam es zu deutlichen Beitragserhöhungen. Warum die Beiträge gerade jetzt so kräftig steigen und die private Vorsorge dennoch eine richtige Entscheidung ist, erfahren Sie in diesem Artikel.    

Erstens: Die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland wächst rasant

In mehreren Schritten hat die Bundesregierung die Leistungen in der Pflege ausgeweitet. Im Januar 2017 wurden aus drei Pflegestufen fünf Pflegegrade und ein neuer, weiter gefasster Pflegebedürftigkeitsbegriff eingeführt. Dadurch werden mehr Menschen als pflegebedürftig eingestuft und erhalten Leistungen aus der Pflegepflichtversicherung.

Diese Leistungsausweitung fällt in eine Zeit, in der aufgrund des demografischen Wandels immer mehr Menschen in das pflegerelevante Alter vorrücken. In der Folge steigt die Zahl der Pflegebedürftigen. So ist die Zahl der Leistungsempfänger in nur drei Jahren von 2,75 Mio. auf 4,25 Mio. Personen gestiegen. Aktuelle Berechnungen des Statistischen Bundesamts gehen davon aus, dass die Zahl bis 2030 auf 4,8 Millionen anwachsen wird.

Zweitens: Die Leistungsbezieher sind immer länger pflegebedürftig

Die Versicherer verzeichnen seit einigen Jahren nicht nur mehr Pflegebedürftige, auch die Pflegedauer hat zugenommen. Das bedeutet, dass die in Pflegebedürftigkeit verbrachte Lebenszeit und damit der Leistungsbezug der Betroffenen insgesamt steigt. Im Jahr 2011 hat jede zweite Person (49,7 Prozent), die pflegebedürftig wurde, auch nach 24 Monaten noch Leistungen aus der Pflegeversicherung bezogen. Im Jahr 2017 waren es schon 64,9 Prozent.

Das Pflegerisiko steigt mit dem Alter. Mehr als 80 Prozent der Betroffenen in Deutschland sind über 60 Jahre alt. Und die Wahrscheinlichkeit, zum Pflegefall zu werden, ist sehr hoch. Dabei gibt es zwischen den Geschlechtern Unterschiede: Frauen haben nicht nur eine höhere Lebenserwartung als Männer, sie werden auch deutlich öfter und länger pflegebedürftig. Bis zum Lebensende sind drei von vier Frauen und sechs von zehn Männern pflegebedürftig (Barmer-Report 2019). Bei der Hälfte der pflegebedürftigen Männer dauerte die Pflege mehr als 17 Monate, bei einem Viertel sogar länger als 46 Monate. Bei der Hälfte der pflegebedürftigen Frauen dauerte die Pflege mehr als 33 Monate, für ein Viertel sogar länger als 69 Monate.

Drittens: Die Leistungsausgaben der Pflegeversicherungen sind deutlich gestiegen

Die Pflegereformen seit 2015 haben ihre Spuren hinterlassen: Die Umstellung auf Pflegegrade sowie die wachsende Zahl der Leistungsempfänger und die ansteigende Pflegedauer haben die Leistungsausgaben der Pflegepflichtversicherung stark ansteigen lassen. Diese Mehrleistung muss über höhere Beiträge in der Pflegepflichtversicherung finanziert werden. In der Sozialen Pflegeversicherung zahlt der gesetzlich versicherte Durchschnittsverdiener mittlerweile 115 Euro monatlich. Die Beiträge in der Privaten Pflegepflichtversicherung sind in den allermeisten Fällen deutlich niedriger als in der Sozialen Pflegeversicherung. Ein privatversicherter Arbeitnehmer, der 1995 zum Start der Pflegeversicherung 35 Jahre alt war, zahlt aktuell 72 Euro im Monat.

Die Beitragskalkulation bei privaten Pflegezusatzversicherungen

Mehr Leistungsbezieher, zusätzliche Leistungen und höhere Ausgaben betreffen auch die private Pflegezusatzversicherung. Denn der Versicherungsfall tritt dann ein, wenn im Rahmen einer Pflegebegutachtung eine Pflegebedürftigkeit festgestellt wird und dadurch ein Leistungsanspruch aus der Pflegepflichtversicherung besteht.   

Wie in der Privaten Pflegepflichtversicherung, so darf auch bei der privaten Pflegetagegeldversicherung der Beitrag immer nur dann angepasst werden, wenn die Leistungsausgaben oder die Lebenserwartung einen bestimmten Schwellenwert überschreiten. Übersteigt keiner der beiden Werte die vorgegebene Schwelle, darf das Unternehmen die Beiträge nicht anpassen.

Überschreitet mindestens einer der beiden Indikatoren den Schwellwert, müssen alle in der Zwischenzeit veränderten Rechnungsgrundlagen auf das aktuelle Niveau angepasst werden. Liegt die letzte Überschreitung des Schwellenwertes länger zurück, kann dieser Mechanismus zu einem sprunghaften Beitragsanstieg führen.

Viertens: Die Niedrigzinspolitik der EZB erfordert zusätzliche Alterungsrückstellungen

Bei der privaten Pflegetagegeldversicherung legt der Versicherer einen großen Anteil der Beiträge als Vorsorge auf dem Kapitalmarkt an. Um die versicherten Leistungen solide abzusichern, muss die kapitalgedeckte Vorsorge der Versicherten – die sogenannten Alterungsrückstellungen –  eine entsprechende Deckungssumme erreichen. Dieser Finanztopf wird aus dem eingezahlten Kapital sowie aus den Beiträgen auch durch die langfristigen Erträge aus Zins und Zinseszins gespeist.

Aufgrund der langjährigen Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank fallen diese Zinserträge nun geringer aus als ursprünglich kalkuliert. Seit 2015 wurde der Leitzins der Europäischen Zentralbank stetig reduziert und inzwischen sogar auf Null gesenkt. Die Versicherungsprämien müssen an die geänderte Zinssituation angepasst werden. Die fehlenden Zinseinnahmen müssen durch höhere Beiträge ausgeglichen werden. Das ist ein wichtiger Grund dafür, dass die Beiträge nun mit einem Schlag so deutlich steigen können.

Die Kalkulation einer privaten Pflegezusatzversicherung sowie die Notwendigkeit einer Beitragsanpassung erfolgt nach gesetzlichen Vorgaben und wird von unabhängigen Treuhändern geprüft. Leistungsausweitungen und Zinsrückgänge treffen ältere Versicherte stärker als junge, weil in einer kürzeren Zeit die zusätzlichen Alterungsrückstellungen gebildet oder niedrigere Verzinsungen ausgeglichen werden müssen.

Beitragserhöhung: Was können Sie tun?

Sollten Sie wegen einer Beitragserhöhung oder Zahlungsschwierigkeiten am Fortbestand der Pflegezusatzversicherung zweifeln, raten wir Ihnen von einer voreiligen Kündigung des Tarifs ab. In diesem Fall gehen die gebildeten Alterungsrückstellungen verloren. Zunächst sollten Sie mit dem Versicherer über die Möglichkeiten für eine Beitragssenkung durch Anpassung der Leistungen sprechen.  

November 2020

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