Warum sind regelmäßige Arztbesuche für Diabetes-Patienten so wichtig?

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Wer unter Diabetes mellitus leidet, sollte regelmäßig seinen Arzt sprechen – auch und gerade während der Corona-Pandemie. Doch viele Patienten haben dieses Jahr aus Angst vor einer Ansteckung einen vereinbarten Arzttermin abgesagt. Welche Risiken eine unzureichende medizinische Kontrolle bergen kann, erläutert Professor Dr. Baptist Gallwitz, Sprecher der Deutschen Diabetes Gesellschaft und stellvertretender Ärztlicher Direktor der Abteilung Innere Medizin IV am Universitätsklinikum Tübingen.

Herr Professor Gallwitz, Diabetes mellitus ist eine chronische Stoffwechselerkrankung, an der mindestens acht Millionen Menschen in Deutschland leiden. Was bedeutet sie für Betroffene?

Patienten mit einem Typ-1-Diabetes, in der Regel eine angeborene Autoimmunkrankheit, kommen nicht umhin, sich täglich Insulin zu spritzen. Die Zellen ihrer Bauchspeicheldrüse produzieren selbst kein Insulin mehr. Betroffene überwachen ihre Stoffwechselwerte selbst, sollten aber einmal im Quartal beim Arzt ihren Blutzuckerlangzeitwert überprüfen lassen und den Therapieverlauf besprechen. Etwa 95 Prozent der Diabetespatienten haben hingegen einen Diabetes Typ 2, der meist mit Übergewicht, Bewegungsmangel, Bluthochdruck und genetischen Faktoren zusammenhängt. Dieser Diabetes lässt sich mit Lebensstiländerungen und Tabletten behandeln. Auch diese Patienten sollten sich einmal je Quartal beim Arzt vorstellen, um die aktuelle Therapie zu prüfen.

Welche Folgen kann eine unzureichende medizinische Überwachung von Diabetes-Patienten haben?

Eine aktuelle Studie hat gezeigt, dass ein starker Insulinmangel für Kleinkinder mit Typ-1-Diabetes Einfluss für die Gehirnentwicklung und auf die Lern- und Konzentrationsfähigkeit haben kann. Erste Anzeichen dieser sogenannten diabetischen Ketoazidose sind vermehrter Durst, starker Harndrang, Gewichtsabnahme, Übelkeit und beschleunigte Atmung – Symptome, die teilweise fehlgedeutet oder unterschätzt werden. Dabei sollte hier wirklich schnell gehandelt werden. Auch ein unentdeckter oder mangelhaft behandelter Diabetes-Typ-2 kann gravierende Folgen haben: eine der schwerwiegendsten ist die Herzinsuffizienz. Diabetespatientinnen und -patienten erkranken doppelt so häufig an Herzschwäche wie Stoffwechselgesunde.

Verspätete Diagnosen während des Lockdowns

Hatte die Corona-Pandemie bisher Auswirkungen auf die Diagnose von Diabeteserkrankungen?

Leider ja. Wir haben festgestellt, dass sich die Rate einer Ketoazidose bei Diabetesmanifestation von Kindern und Jugendlichen während des Corona-Lockdowns verdoppelt hat. Fast jedes zweite Kind bekam also eine verspätete Diagnose – vermutlich auch aufgrund der Angst der Eltern, sich in Arztpraxen und Kliniken mit dem Coronavirus anzustecken.

Ist diese Sorge berechtigt?

Ich denke, die Angst ist auch ein Symptom von Nichtwissen oder dem Gefühl, überfordert zu sein. Das Robert Koch-Institut hat zwar Diabetes als Risikofaktor einer Covid-19-Erkrankung aufgenommen. Wir haben aber auch gelernt, dass wir Diabetes-Patienten nicht über einen Kamm scheren können. Es stimmt, dass dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte das körpereigene Immunsystem schwächen und damit das Infektionsrisiko steigen lassen – gerade dann ist aber eine stoffwechselnahe Einstellung der Patienten wichtig. Vor allem Menschen mit chronischen Erkrankungen sollten sich in der Corona-Pandemie also gut behandeln lassen. Das muss ja gar nicht immer in einer Praxis vor Ort sein: Kleinere Therapieanpassungen kann der Arzt auch telemedizinisch vornehmen.

November 2020

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